Kommissar Bauer und das Leben drumherum
Kommissar Bauer und das Leben drumherum

Geburt - ein ganz anderer Tag

 

Zwei Wochen nach der Affäre mit dem blonden Peter blieb bei Theresia Bauer die Monatsblutung aus. Theresia hatte es befürchtet, da sie wusste, wann ihre fruchtbaren Tage waren. Nämlich genau dann, wenn sie diesen unheimlichen Hunger nach Sex verspürte. Dass ihr allerdings dieses Malheur mit diesem jungen Grünschnabel passiert war, trieb ihr noch immer Zornesröte ins Gesicht.

Sie hätte wissen müssen, dass er keine Erfahrung hat und sich nicht durch ihre eigene fordernde Geilheit leiten lassen sollen. Wie dumm kann man mit über dreißig Jahren denn noch sein? Sie hatte in ihrem Leben genügend Männer, da hätte sie auf diesen einen zuviel getrost verzichten können. Jetzt ist sie schwanger und ratlos!

Wenn sie dieses Kind bekommen sollte, dann wird sie deswegen ihre Arbeit verloren haben und alleine dastehen, mittellos und  ohne Zukunft.

Zu ihrer Familie in Niederbayern kann sie nicht zurück. Die Schande im Dorf, wegen dieses unehelichen Kindes, wäre zu groß. Ihre Eltern würden sich zu Tode schämen und ihre eigene Ausgrenzung wäre beschlossene Sache. Nein, sie muss in München bleiben und einen Weg finden, das Kind abzutreiben oder irgendwie sonst über die Runden zu kommen.

Kann sie überhaupt für ein Kind etwas empfinden, das nicht aus Liebe, sondern aus blauäugiger Geilheit entstanden ist? Ein Kind, das heranwächst und, dem männlichen Erzeuger vielleicht immer ähnlicher sieht und ihr jeden Tag vor Augen führen wird, wie dumm sie war, wie sie ihr eigenes Leben verspielt hat?

Abtreibung ist verboten, natürlich. Aber kann sie denn nicht selbst über ihren Körper und über ihre Zukunft bestimmen? Theresia Bauer ist verzweifelt, aber eigentlich ist sie zu stolz dafür verzweifelt zu sein. Sie will sich nicht treiben lassen, sondern selbst ihr eigenes Leben gestalten, egal, wie mühevoll es sein wird.

Eine Kollegin aus ihrer Arbeit, der sie ihr Geheimnis anvertraut hat, hat Theresia die Adresse eines Arztes gegeben, der angeblich heimlich Abtreibungen vornimmt. Am Montag der Folgewoche sitzt sie in seinem Wartezimmer.

"Frau Bauer, bitte", ruft die Sprechstundenhilfe in den Raum.

"Ja, das bin ich", murmelt Theresia Bauer, während sie sich erhebt. Sie geht langsam, etwas verunsichert durch den Raum. Sie fühlt die Blicke der Wartenden auf ihrem Körper und meint zu spüren, dass sie "Sünderin" und "Schande" rufen.

Nur schnell den Raum verlassen, fliehen vor diesen Blicken! Dann betritt Theresia den Behandlungsraum des Arztes. Rechts eine weiße Liege, links ein Paravent, das den Patienten Gelegenheit bietet, sich unbeobachtet auszuziehen.

"Guten Morgen, Frau Bauer", sagt ein betagter, weißhaariger Mann, der hinter einem Schreibtisch sitzt. Theresia entgegnet ihm:

"Grüß Gott, Herr Doktor."

"Na, was fehlt ihnen denn?"

"Mir fehlt nix, i hab' eher etwas zuviel, was ich loswerden möcht!"

"Aber, aber, meine Liebe. Sie sind zwar kräftig, aber doch nicht dick! Und wenn's ein bisserl G'wicht verlieren wollen, dann essen's einfach ein bisserl weniger. Dazu brauchen's keinen Doktor!"

"Naa, Herr Doktor, sie verstehn mich falsch. I komm', weil mir ein Malheur mit einem Mann passiert ist!"

"Aha, daher weht der Wind! Und was wollen's jetzt von mir?"

"Fragen, ob's mir nicht helfen könnten es wegzumachen!"

"Hm, sie wissen aber schon, dass das strafbar ist!"

"Ja."

"Also, wenn ich ihnen behilflich bin, dann ist das natürlich nicht kostenlos. Die Kasse zahlt da nix. Sie müssen dann schon 1.500.- Mark auf den Tisch legen!"

Theresia durchschauert es, als der Arzt die Summe nennt. Sie verdient pro Woche gerade mal 200.- Mark! Wo soll sie denn soviel Geld hernehmen?

Anscheinend hat der Arzt bemerkt, dass sich die Gesichtsfarbe seiner Patientin ins Rötliche veränderte. Deshalb meint er jetzt:

"Einen solchen Schritt soll man nicht übereilen. Jetzt gehen's erstmal heim und denken's drüber nach!"

Mehr als acht Monate später sitzt Theresia Bauer in ihrer Wohnung in der Zenettistraße. Der Bauch ist dick und kugelrund. Sie hatte tatsächlich nachgedacht und sich entschieden, das Geld zu sparen. In Niederbayern hält man das Geld zusammen und überlegt dreimal, wenn man eine größere Summe ausgibt! Es war keine Entscheidung für das Kind, sondern für das Geld!

Theresa schaut aus dem Fenster. Der Tag ist grau und wolkenverhangen. In dieser Woche soll die Geburt stattfinden, hat man ihr gesagt. Soll es wirklich passieren? Ein Kind betritt die Welt, das niemand wollte, weder bei der Zeugung, noch jetzt kurz vor der Geburt. Ein Kind, das der Dummheit und dem Geiz geschuldet ist und nicht der Liebe.

Theresia spürt plötzlich ein Stechen und ein Ziehen in ihrem Unterleib. Die Wehen beginnen. Jetzt muss es schnell gehen. Solange sie noch laufen kann, muss sie zur Straße. Drei Stockwerke nach unten und dann zum Taxistand an der Ecke. Sie hat kein Telefon, wie es üblich ist bei ärmeren Leuten in dieser Zeit.

Theresia erhebt sich unter Schmerzen von ihrem Stuhl und geht in noch schnellen Schritten in Richtung des Gangs, wo ihre Schuhe stehen und ihre Kleidung hängt. Als sie die Türschwelle passiert, übersieht sie einen Schuh, der dort liegt. Sie stolpert, fällt nach vorne und versucht sich im letzten Moment noch seitlich zu drehen, sodass sie nicht mit ihrem Bauch auf dem Boden aufschlägt. Ihr rechter Oberschenkel landet krachend auf einem Schemel, der im Gang steht.

Theresia Bauer schlägt die Augen auf. Sie weiß nicht, wie lange sie schon hier liegt. Sie weiß nur, dass ihr rechter Oberschenkel Schmerzen aussendet, die unerträglich sind. Auch ihr Unterleib pulsiert in konstanten Schmerzattacken. Theresia hat sich den Oberschenkel gebrochen und nach etwa zwei Stunden Ohnmacht, sind die Wehen soweit fortgeschritten, dass Theresia nur noch wimmern kann.

Es kann nicht sein, dass sie wie ein Käfer auf dem Rücken liegt und sich keinen Zentimeter bewegen kann. Der Schmerz hält sie fest, er klammert sie förmlich auf den Boden.

Theresia Bauer beginnt zu weinen. Sie hatte niemend und hat jetzt niemand, der ihr beisteht. Förmlich hingeworfen auf den Boden der Tatsachen kann sie nur daliegen, abwarten, wann für sie selbst und das Kind das Ende kommt. Zu dieser Uhrzeit am Nachmittag ist niemand im Haus. Die Bewohner der anderen Wohnungen sind, wie sie selbst, alleinstehend, nach München gekommen, um zu arbeiten, Geld zu verdienen. Sie befinden sich jetzt alle in der Arbeit, im Schlachthof oder in der Wirtschaft.

Gerade, als sie darüber nachdenkt, wie sie Hilfe bekommen könnte, jagt eine enorme Schmerzwelle durch ihren Unterleib. Ihre Pupillen weiten sich, sie reißt die Augen weit auf und jeder Laut erstickt in ihrer Kehle. Eine große Pfütze Flüssigkeit hat sich auf dem Parkettboden zwischen ihren Beinen gebildet und Theresia ist nur noch in der Lage zu wimmern und zu weinen.

"Bei Gott, wenn ich das hier überleb', dann werd' ich ein besserer Mensch", denkt sie sich, als die Wehen mit einer erneuten Wucht einsetzen, die sie nur noch stöhnen lässt. Sie spürt, wie mit enormer Gewalt ihr Becken auseinandergepreßt wird, wie sich unaufhaltsam das Kind seinen Weg durch ihren Körper bahnt. Theresia hechelt, keucht. Schweißüberströmt, die Haare verklebt, liegt sie da, wie ein Tier, wie eine schlichte Kreatur. Dann, schreit sie auf, dass es jeden erschauern lassen würde, der diesen Schrei gehört hat. Laut, wild, ungehemmt!

Ihr Schrei endet, als ein anstimmendes Weinen eines Säuglings das Zimmer erhellt. Dann hört sie Stimmen:

"Hallo, ist da jemand? Ist ihnen etwas passiert?"

Passanten hatten Theresias Schrei gehört und waren von der Straße emporgeeilt, da sie dachten, dass ein Verbrechen vorgefallen wäre. Nun standen sie vor Theresias Tür und waren ihre und Helmuts Rettung.

Der kleine Helmut Bauer wurde von einer Politesse, die gerade Strafzettel in der Zenettistraße verteilte, erstversorgt und in ein Küchentuch gewickelt.

Vielleicht war dieser Umstand ausschlaggebend für seine spätere Entwicklung!

Zeugung

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© Wolfgang Schuldlos